In Glasgow findet das wichtigste Klimatreffen seit sechs Jahren statt, bei dem die Staats- und Regierungschefs der Welt versuchen, Vereinbarungen zu treffen, die darüber entscheiden werden, ob es gelingt, den Anstieg der globalen Erwärmung noch unter Kontrolle zu bekommen.

Obgleich Unternehmen zu Recht davon ausgehen, dass sie auf der COP26 selbst keine direkte Rolle zu spielen haben, sollten sie die Ergebnisse genau beobachten, denn die in Glasgow getroffenen Entscheidungen werden sich tiefgreifend auf ihre Zukunft auswirken: Sie werden beeinflussen, welche Geschäftsaktivitäten künftig noch möglich sind, welche Finanzierungsformen noch offen stehen und wie sich Vermögenswerte entwickeln.

Watson Michael

Michael Watson

Partner

Der Klimanotstand stellt das größte Risiko für die Gesellschaft und die Wirtschaft dar, das wir in unserer Generation erlebt haben, und ist wahrscheinlich das entscheidende Charakteristikum unserer Generation

„Der Klimanotstand stellt das größte Risiko für die Gesellschaft und die Wirtschaft dar, das wir in unserer Generation erlebt haben, und ist wahrscheinlich das entscheidende Charakteristikum unserer Generation“, sagte Michael Watson, der für Pinsent Masons Unternehmen zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit berät. Ein Beispiel von Watson aus der Perspektive der Kreditwirtschaft: „Wenn Sie ein Kreditgeber für ein Unternehmen sind und Ihre durchschnittliche Kreditlaufzeit sieben Jahre beträgt, aber eine signifikante Auswirkung des Klimawandels auf die Überlebensfähigkeit dieses Unternehmen im Schnitt vier Jahre andauert, sollten Sie natürlich daran interessiert sein, den Klimawandel aufzuhalten und die Auswirkungen des Klimawandels auf dieses Unternehmen abzumildern.“

In den letzten 18 Monaten hat sich vieles gewandelt. Zuvor sprachen Unternehmen zwar über Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit und die Abschwächung der Klimakrise, aber die meisten handelten nur sehr zurückhaltend. Nun ist die Klimakrise jedoch in den Fokus vieler Verbraucher und Kunden gerückt und sie beurteilen ein Unternehmen anhand dessen, wie es mit dem Problem umgeht. Zudem steht der Klimawandel im Mittelpunkt des Interesses von Investoren, Fondsmanagern und Finanzinstituten. Großbanken und Investoren stehen unter dem Druck zu zeigen, dass sie Aktivitäten finanzieren, die zur Lösung der Krise beitragen, statt sie zu verschärfen. Neue Regeln für die Berichterstattung und Transparenz, wie zum Beispiel die des internationalen Gremiums „Task Force On Climate Related Financial Disclosures“, verdeutlichen, dass Unternehmen mehr denn je in Verantwortung genommen werden.

Es ist nicht klar, warum der Stimmungsumschwung sowohl bei Investoren als auch in der Öffentlichkeit gerade jetzt – nach vielen Jahren anhaltender Kampagnen zu diesem Thema – so schnell erfolgt ist, aber die Auswirkungen sind bereits spürbar: Projekte, die Finanzmittel beantragen, geraten zunehmend unter Druck, ihre Umweltfreundlichkeit nachzuweisen.

It is not clear why the change in investor and public mood has been so swift after many years of sustained campaigning on the issue, but the impact is already being felt as projects seeking funding come under pressure to demonstrate green credentials.

Der ehemalige britische Minister und frühere COP-Verhandlungsführer in Kopenhagen (2009), Douglas Alexander, betonte im Brain Food-Podcast von Pinsent Masons, dass der Wandel des Finanzsektors ebenso schnell und entschlossen wie überraschend gekommen sei: „Ich habe kürzlich mit Christiana Figueres gesprochen, die bei der erfolgreichen Pariser Klimakonferenz (COP21), die 2015 zum Pariser Abkommen führte, federführend war, und sie nannte die Finanzindustrie als den Wirtschaftssektor, der seit Paris 2015 am meisten Initiative gezeigt hat. Dass die Dynamik im Finanzsektor so zugenommen hat liegt daran, dass es bei der Finanzierung sowohl um die Kalibrierung von Risiken als auch um die Kalibrierung von Chancen geht.“

Douglas Alexander

Strategic Advisor

Wenn man die Klimarisiken falsch einschätzt, wird man in Zukunft keinen Zugang zu Kapital erhalten, keine Versicherungen bekommen und Stresstests durchführen müssen, um zu beweisen, dass man ein widerstandsfähiges Unternehmen ist

„Wenn man die Klimarisiken falsch einschätzt, wird man in Zukunft keinen Zugang zu Kapital erhalten, keine Versicherungen bekommen und Stresstests durchführen müssen, um zu beweisen, dass man ein widerstandsfähiges Unternehmen ist“, so Alexander. „Diese Gespräche werden von der Versicherungsbranche, den Zentralbanken und den Kapitalmärkten geführt. Das für die Kapitalmärkte grundlegende Risikoverständnis ist ein sehr wirkungsvolles Instrument für Veränderungen im Unternehmenssektor, denn der Zugang zu Kapital wird in Zukunft nicht nur davon abhängen, ob ein Unternehmen widerstandsfähig ist, sondern auch davon, ob das Unternehmen den Übergang in die Klimaneutralität schafft. Die Prämie, die Kapitalkosten, werden einfach höher sein, wenn Investoren bei der Prüfung eines Geschäftsmodells zu dem Schluss kommen, dass sie ein hohes Risiko eingehen, einen Vermögenswert zu halten, der durch den Übergang an Wert verliert“, so Alexander.

Leitende Unternehmensjuristen verfolgen diese Entwicklungen besonders aufmerksam, denn es ist zu erwarten, dass sie bei der Reaktion der Unternehmen auf die Krise eine zentrale Rolle spielen werden. Zum einen ist es eine juristische Angelegenheit: Die national festgelegten Beiträge (nationally determined contributions/NDCs), auf die sich die Nationen auf der COP26 einigen werden, um ihre CO2-Emissionen zu reduzieren, werden schließlich ihren Weg in nationale und internationale Gesetze, Verträge und Vorschriften finden.

Aber es gibt noch eine grundlegendere Aufgabe für leitende Unternehmensjuristen: Unternehmen müssen im Rahmen ihrer Risikoanalysen einschätzen, wie groß das aus der Klimakrise resultierende Risiko in diversen Bereichen ist und welche Maßnahmen es mindern können. Watson zufolge fällt dies genau in den Kompetenzbereich von Unternehmensjuristen: „Die Aufgabe eines Anwalts besteht darin, dafür zu sorgen, dass der Vorstand eines Unternehmens die Risiken, mit denen es konfrontiert ist, richtig einschätzt und versteht. Ich denke, es ist eine große Verantwortung und eine große Chance für Unternehmensjuristen, diesen Einfluss auszuüben und ihr Unternehmen und ihre Organisation bei der Umstellung zu unterstützen.“

„Es ist wahrscheinlich, dass die Risiken des Klimawandels nicht langsamer, sondern schneller zu Tage treten werden als erwartet, und Anwälte sind gut darin, Risiken zu identifizieren und zu analysieren“, betont Watson.

Eine große Herausforderung für Unternehmen besteht zunächst darin, sich überhaupt erst einmal darüber klar zu werden, wie groß ihr Anteil an dem Problem ist. Eine bessere Datengrundlage zu schaffen sei daher die erste große Hürde, so Watson: „Die Menge an Informationen über die Auswirkungen von Geschäftsaktivitäten auf die Umwelt nimmt ständig zu, aber im Vergleich zu anderen klassischen Leistungskennzahlen wie Gewinn und anderen Finanzkennzahlen sind die Klimainformationen zweifellos wesentlich vielfältiger und uneinheitlicher. Man könnte sagen, dass es über 2.000 verschiedene Möglichkeiten gibt, Klimaauswirkungen zu messen.“

„Es gibt viele wirklich nützliche Initiativen, die sich jetzt beschleunigen, wie beispielsweise die Task Force for Climate Related Financial Disclosures und vergleichbare Initiativen, die einen enormen Unterschied machen, indem sie bessere, vollständigere Informationen zusammentragen, auf deren Grundlage die Vorstände und ihre Stakeholder Entscheidungen treffen können“, so Watson.

Watson hält es für das Wichtigste, in Systeme und Prozesse zu investieren, um entsprechende Informationen zu sammeln und sich klare und messbare Ziele zu setzen, die realistisch sind. Watson: „Es gibt einige großartige Beispiele für die Veröffentlichung klarer, erreichbarer Ziele, die alle auf die ultimative Klimaneutralitäts-Herausforderung ausgerichtet sind und wirklich ein herausragendes unternehmerisches Verhalten gefördert haben, so dass Transparenz und Messbarkeit im Mittelpunkt stehen, kombiniert mit einem klaren und umsetzbaren Aktionsplan.“

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