Die Energiekrise: Was für Industrieunternehmen jetzt wichtig ist

Out-Law Analysis | 22 Nov 2022 | 5:09 pm | Lesedauer: 3 Min.

Die Energiekrise trifft die deutsche Industrie besonders schwer. Industrie-Betriebe sollten ihre Energieverträge überprüfen, Krisenszenarien durchspielen und Kommunikationsstrategien erarbeiten, um trotz hoher Energiekosten und möglicher staatlicher Eingriffe durch den Winter zu kommen.

Der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine hat die ohnehin angespannte Situation auf den globalen Energiemärkten weiter verschärft. Die hohe Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas und von russischer Seite gestoppte Gaslieferungen haben die Energiepreise in Deutschland und Europa zuletzt auf ein Rekordniveau getrieben. Unter ungünstigen Bedingungen, beispielsweise bei einem besonders kalten Winter mit geringer Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien, könnte es sogar zu einer Energieknappheit kommen.

Nicht nur die Bundesregierung bereitet sich auf entsprechende Szenarien vor. Auch Unternehmen und Privathaushalte suchen nach Einsparpotenzialen, um ihren Energieverbrauch zu senken sowie nach alternativen Energiequellen, um ihren Energiebedarf zu decken. Energieverbraucher werden zudem in großem Umfang staatlich gefördert, um besondere Härten auszugleichen. Obwohl dies von Seiten der Energieverbraucher im Grundsatz begrüßt wird, besteht nach wie vor große Unsicherheit im Hinblick auf die Dauer und Gültigkeit dieser Fördermaßnahmen sowie deren Nutzen.

Die Entwicklungen auf den Energiemärkten stellen aber nicht nur die deutsche und europäische Wirtschaft vor Herausforderungen. Auch Energieverbraucher in Asien sind mit hohen Preisen und Engpässen konfrontiert, obwohl sie keine typischen Abnehmer von russischem Gas sind. Länder wie Indien, Pakistan, Bangladesch und Thailand beziehen vorwiegend LNG aus dem LNG-Spotmarkt. So können sie anhand ihres konkreten Bedarfs Gas beschaffen, ohne langfristige Energielieferverträge abschließen zu müssen. Diese Geschäftspraxis steht nun unter Druck. Denn die Länder werden mehr und mehr von europäischen Käufern überboten, die bereit sind, einen hohen Preis zu zahlen, um das nicht mehr zur Verfügung stehende russisches Gas zu ersetzen.

Verarbeitendes Gewerbe in Deutschland besonders betroffen

 

In Deutschland und Europa wirken sich die hohen Energiekosten insbesondere auf das verarbeitende Gewerbe aus. Energieintensive Industrien reduzieren Kapazitäten oder schließen gar ganze Betriebe. Die Auswirkungen davon werden etwa die Automobilindustrie, Hersteller von Anlagen für erneuerbare Energien, die Bauindustrie und Getränkehersteller zu spüren bekommen. Diese sind entsprechend auf der Suche nach alternativen Lieferanten. In einzelnen Industrien könnten europäische Standorte dauerhaft geschlossen werden, was die Bemühungen der EU, ihre Lieferketten zu sichern, erschweren würde.

Auch Düngemittelhersteller verbrauchen große Mengen Erdgas und reduzieren infolge der Krise ebenfalls aufgrund der hohen Preise ihre Produktion. Die europäische Düngemittelproduktion wurde bereits um bis zu 70 Prozent eingeschränkt. Dies könnte zu niedrigeren Ernteerträgen führen und einen bestehenden Versorgungsengpass verschärfen. In dem Zusammenhang werden Ammoniak- und Düngemittelanlagen immer weniger wirtschaftlich und einige könnten dauerhaft oder vorübergehend schließen, was zu weiteren Engpässen führen würde, die sich unter anderem auf die Getränkeindustrie und die Fleischproduktion auswirken.

Die Elektrifizierung steht ebenfalls vor Herausforderungen, da sich die Stromkosten auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Elektrofahrzeugen auswirken und Autofahrer die gestiegenen Energiepreise an der Ladesäule zu spüren bekommen.

Zudem wirken sich die hohen Energiekosten auch nachteilig auf die weiteren Entwicklungen der Energiewende aus. Unternehmen sind zu Einsparungen gezwungen und Mittel, die für den Ausbau der erneuerbaren Energien eingeplant waren, werden nun für andere Zwecke verwendet, beispielsweise als Liquiditätsreserve, um steigenden Marktpreisen für Energie begegnen zu können.

Was Unternehmen jetzt tun können

Obwohl die Energiekrise auf geopolitische Faktoren zurückzuführen ist, die sich der Kontrolle der Unternehmen entziehen, können diese einiges tun, um die Auswirkungen zu mildern.

Verträge und Lieferungen prüfen

Industrieunternehmen sollten fortlaufend ihre bestehenden Energieverträge überprüfen. Hierbei sollten sie PPAs und Priorisierungsklauseln berücksichtigen und sich rechtzeitig mit Lieferanten abstimmen. Auch sollten sie überprüfen, ob Anpassungen oder Kündigungen möglich sind.

Zudem sollten sie prüfen, ob im Falle einer Energieknappheit eine prioritäre Behandlung möglich ist oder ob zusätzliche Unterstützung im Rahmen staatlicher Regelungen zur Verfügung steht. Informieren Sie sich regelmäßig über zur Verfügung stehende Fördermittel und -gelder sowie Entlastungspakete.

In laufenden M&A-Projekten sollte mit einbezogen werden, welche Relevanz die Energiebeschaffung auf die Risikobewertung des Zielunternehmens hat.

Darüber hinaus sollten Industrieunternehmen über alternative Energiequellen und Möglichkeiten der Diversifizierung als Teil Ihrer längerfristigen Beschaffungsstrategie nachdenken: Besteht zum Beispiel die Möglichkeit, eine eigene Anlagen für die Erzeugung erneuerbarer Energie einzurichten?

Unternehmensstrategie an Mitarbeiter kommunizieren

Industrieunternehmen sollten auch an die Folgen denken, die gestiegene Energiekosten für ihre Arbeitnehmer haben. Einige Unternehmen leisten einmalige Lebenshaltungskostenzahlungen, um ihre Mitarbeiter zu unterstützen; dies kann auch Teil einer Strategie zur Mitarbeiterbindung sein. Bis Ende 2024 ist ein steuerfreier „Inflationsbonus“ in Höhe von bis zu 3.000 Euro für Mitarbeiter möglich.

Außerdem sollten Unternehmen die Auswirkungen vorübergehender Stilllegungen oder Produktionsunterbrechungen auf Schichtarbeit und Arbeitsverträge bewerten und kommunizieren. Darüber hinaus wirken sich einige Entscheidungen zur Energieeinsparung im Büro oder Werk auf die Mitarbeiter aus – wie beispielsweise die Konsolidierung offener Büroflächen oder die Ausrichtung auf „Home Office“.

Szenarien durchspielen

Wie schon während der Coronakrise, können Planungsgruppen das Unternehmen auch in der Energiekrise voranbringe.

Ein Risikomanagement-Plan, der die Auswirkungen auf Wettbewerber und Lieferanten berücksichtigt und mögliche Schwachstellen und Insolvenzen einschließt, kann eine sinnvolle Maßnahme sein.

Auch sollten Industrieunternehmen sich damit befassen, wo höhere Kosten vernünftigerweise weitergegeben werden können, vorbehaltlich des Marktwertumfeldes und vertraglicher Beschränkungen.

Darüber hinaus kann es sich lohnen, den Markt mit Blick auf Investitionsmöglichkeiten zu beobachten. Viele Unternehmen werden vermutlich aufgrund der Krise gezwungen sein, Unternehmensteile und Güter abzustoßen (Distressed M&A). Hieraus können sich für Unternehmen mit ausreichender Liquidität auch Chancen ergeben.

Im Falle einer Strom- oder Gasrationierung, sollten Industrieunternehmen auch darüber nachdenken, ob es gegebenenfalls kooperative Ansätze im Verbund mit anderen Unternehmen gibt, die für sie eine Chance darstellen könnten – vorbehaltlich einer kartellrechtlichen Prüfung.

Möglichkeiten zur Lagerung von vorproduzierten Waren oder Kraftstoffen sollten ebenfalls  geprüft werden. Hierbei muss auch berücksichtigt werden, wie sich ein entsprechendes Vorrats-System auf die Lieferkette, die Logistik und Genehmigungen auswirkt.

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