Beim nachhaltigen Bauen geht es nicht allein um die Energieeffizienz

Out-Law Guide | 04 Mar 2022 | 9:57 am | Lesedauer: 4 Min.

Wer nachhaltig bauen will, muss Umwelt- und Klimafaktoren von Anfang an in seine Planung mit einbeziehen. Bewertungssysteme, die die Nachhaltigkeit von Gebäuden plan- und messbar machen, sind gerade dabei sich zu etablieren.

Im Bauwesen wird das Thema Umwelt- und Klimaschutz immer wichtiger – und das ist wenig verwunderlich, schließlich betrugen die Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor im Jahr 2020 rund 120 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, das sind 16 Prozent der direkten Gesamtemissionen Deutschlands. Dementsprechend ist das Einspar-Potenzial im Gebäudesektor immens. Lange wurde diese Möglichkeit jedoch viel zu wenig beleuchtet; noch heute denken Viele, dass mit „nachhaltigem Bauen“ lediglich eine gute Wärmedämmung gemeint sei. Dabei vereint Nachhaltigkeit im Bauwesen eine ganze Reihe von Faktoren.

Einer dieser Faktoren ist die Energieeffizienz: Wie viel Energie wird zum Beheizen eines Gebäudes benötigt und wie viel der Wärme geht über seine Außenwände wieder verloren? Und auch der Strom- und Wasserverbrauch spielen eine Rolle. Doch die Höhe von Strom, Wärme- und Wasserverbrauch nach Bezug des Gebäudes allein geben noch keine Auskunft darüber, wie nachhaltig der Bau wirklich ist. Denn dann bliebe die sogenannte „graue Energie“ völlig außer Acht: Damit sind die Energiemengen gemeint, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Gebäudes – oder der Baumaterialien für ein Gebäude – anfallen.

Letztlich ist entscheidend, nicht nur darauf zu blicken, was ein Gebäude an Ressourcen verbraucht, wenn es einmal gebaut und bewohnt ist. Wer wirklich nachhaltig bauen will, muss deutlich früher anfangen, an den Umwelt- und Klimaschutz zu denken. Das fängt bei der Standortwahl an und setzt sich bei der Wahl der Baumaterialien und der Arbeitstechniken fort. Wurden bei Herstellung und Transport der Baumaterialien Umweltbelange hinreichend berücksichtigt? Wie hoch waren die Energiekosten im Bauprozess? Und wie viel Abfall fiel dabei an? Aber nicht nur die Phase vor der Errichtung ist entscheidend. Für ganzheitliche Nachhaltigkeit sollte der gesamten Lebenszyklus eines Bauprojekts in den Blick genommen werden, so auch der Rückbau und die Entsorgung des verwendeten Baumaterials. All das sind ebenfalls entscheidende Faktoren, wenn es darum geht, die Nachhaltigkeit eines Neubaus zu bewerten. Doch erst in den letzten Jahren hat die Zertifizierung von Gebäuden im Zuge des präsenter werdenden Klimawandels mehr Fahrt aufgenommen und ist in den Fokus von Bauherren gerückt.

Doch anhand welcher Standards kann ein Bauherr bewerten lassen, ob sein Bauprojekt nun wirklich gewissen Nachhaltigkeitsanforderungen entspricht? Einige gut etablierte Planungs- und Zertifizierungssysteme gibt es schon – insbesondere solche, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und nicht nur auf Energieeffizienz abstellen. Insbesondere vor dem Hintergrund der immer mehr in den Fokus der Immobilienwirtschaft rückenden ESG-Kriterien werden die Zertifizierungen wohl immer mehr an Bedeutung gewinnen.

BNB: Ganzheitlicher Ansatz für Bundesgebäude

Das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) wurde 2019 für Bundesgebäude mit den Bautypen Büro-, Verwaltungs-, Unterrichts-, und Laborgebäude eingeführt und bemüht sich darum, den kompletten Lebenszyklus solcher Gebäude in den Blick zu nehmen. Das System versucht, die Qualität der Nachhaltigkeit von solchen Gebäuden und Anlagen in ihrer Komplexität zu beschreiben und zu bewerten. Dabei nimmt es Kriterien aus fünf übergeordneten Themenkomplexen in den Blick: Die ökologische Qualität fließt zu 22,5 Prozent in die Bewertung des Gebäudes ein. Die ökonomische Qualität macht einen ebenso großen Anteil der Bewertung aus, wobei nicht allein die Baukosten, sondern die Kosten für die Gesamte Lebensdauer des Gebäudes sowie seine Wertentwicklung betrachtet werden. Auch die sozio-kulturelle und funktionale Qualität macht 22,5 Prozent aus – sie besagt, wie gut das Gebäude für den vorgesehenen Zweck genutzt werden kann und wie es sich auf die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Nutzer auswirkt. Auch die technische Qualität, die etwas darüber aussagt, wie gut sich das Gebäude reinigen und in Stand halten lässt, macht 22,5 Prozent der Gesamtwertung aus. Die kleinste Bedeutung wird der Prozessqualität beigemessen, bei der es um die Bauphase selbst geht. Sie macht nur zehn Prozent der Gesamtwertung aus.

Das BNB-System ist sehr komplex und die konkreten Anforderungen und Bewertungsparameter variieren je nach Gebäudetyp. Für die vier Bautypen gibt es jeweils detaillierte Kriterien-Steckbriefe. Das Bewertungssystem soll möglichst schon bei der Bauplanung herangezogen werden und nach Bauabschluss für eine Konformitätsprüfung dienen.

Zwar muss das BNB nur für die oben genannten Gebäude des Bundes verbindlich angewendet werden, jedoch können es auch anderen Bauherren wie Länder, Kommunen oder die Privatwirtschaft kostenfrei als Grundlage für ihr nachhaltiges Bauprojekt nutzen und ein Gebäude anschließend durch eine Zertifizierungsstellen überprüfen und zertifizieren lassen. Auf der BNB-Website findet sich eine Liste der durch das Bundesbauministerium anerkannten Zertifizierungsstellen.

DNGB-Zertifikat: Nachhaltigkeit im ganzen Gebäude-Lebenszyklus

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ist eine Nichtregierungsorganisation, die Wege und Lösungen für nachhaltiges Planen, Bauen und die nachhaltige Nutzung von Bauwerken sucht. Sie hat ein eigenes Zertifizierungssystem für nachhaltige Bauten entwickelt und vergibt entsprechende Gütesiegel in den Qualitätsstufen Platin, Gold, Silber und Bronze. Im Rahmen der Zertifizierung wird überprüft, wie umweltfreundlich, ressourcenschonend, funktional und „behaglich“ Gebäude sind – bei der „Behaglichkeit“ geht es beispielsweise um den thermischen Komfort und die Qualität der Innenraumluft – und wie gut sie sich in ihr soziales und kulturelles Umfeld integrieren. Dabei nimmt die DGNB ähnliche Kriterien in den Blick wie das BNB-System: Sie betrachte die ökologische Qualität, die ökonomische Qualität, die sozio-kulturelle Qualität, die Technische Qualität, die Prozessqualität sowie die Standortqualität, wobei Letztere nicht in die Gesamtbewertung einfließt.

Ebenfalls ähnlich wie das BNB-System, sieht das DGNB-System abhängig vom Nutzungsprofil des Gebäudes unterschiedliche Kriterien vor, die erfüllt werden sollen. Nutzungsprofile gibt es beispielsweise für Büro- und Verwaltungsgebäude, Laborgebäude, Parkhäuser oder kleine Wohngebäude und Versammlungsstätten. Werden die im jeweiligen Nutzungsprofil gemachten Vorgaben zu 80 Prozent erfüllt, erreicht das Gebäude den Platin-Standard, bei 65 Prozent Erfüllung gibt es Gold, bei 50 Prozent Silber und für 35 Prozent Bronze – wobei dieses Siegel nur an Sanierungsprojekte, nicht an Neubauten, vergeben wird.

Im Gegensatz zum BNB-System können die DGNB-Zertifizierungen von allen interessierten Bauherren freiwillig in Anspruch genommen werden.

Internationale Zertifizierungen: LEED und BREEAM

Auch international gibt es bereits einheitliche Zertifizierungssysteme.

„Leadership in Energy and Environmental Design“, kurz LEED, ist eines der bekanntesten davon, und wird weltweit anerkannt. Es zertifiziert durch unabhängige Dritte wie den TÜV, dass ein Gebäude auf umweltfreundliche Art gebaut und entworfen wurde. Eine LEED-Bewertung befasst sich in erster Linie mit der Umweltauswirkung von Gebäuden und betrachtet in zweiter Linie die sozialen Auswirkungen in Bezug auf Nachhaltigkeit. Betrachtet werden in dem umfassenden Kriterienkatalog unter anderem Standort, effiziente Wassernutzung, Energie und Atmosphäre, Materialien und Ressourcen sowie Innenraumqualität und Innovation, Design und Regionalität. Es ist auf den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes anwendbar – Planung und Bau, Nutzung und Wartung, Mieterausbau und wesentliche Umbauten, und wird auch bei verschiedenen Gebäudearten angewendet.

Ein weiteres internationales Zertifizierungssystem ist die Building Research Establishment Environmental Assesment Methode, kurz BREEAM-Methode. Dieses älteste Zertifizierungssystem wurde bereits im Jahr 1990 in Großbritannien entwickelt und konzentriert sich vor allem auf die Aspekte Management am Bau, Gesundheit und Behaglichkeit, Energie, Transport, Wasser, Materialien, Abfall, Landverbrauch, Ökologie und Verschmutzung. Die Kriterien berücksichtigen Auswirkungen auf globaler, regionaler, lokaler und innenräumlicher Ebene. BREEAM beurteilte ursprünglich die Phasen von der Planung über die Ausführung bis hin zur Nutzung. 2008 erfolgte eine umfassende Novellierung, die nun den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt. In Deutschland wird eine BREEAM-Zertifizierung ebenfalls durch den TÜV ausgegeben.